Museentaumel gegen das Januar-Loch

19. Basler Museumsnacht

Es liegt wohl in der Natur von Massenveranstaltungen, dass sie für die Massen konzipiert sind. Und es liegt in der Natur von Massen, dass sie laut und unachtsam sind, und nach einer gewissen Zeit im Gedränge noch ungehaltener werden. Über 114 000 verkaufte Tickets und 33 000 Menschen unterwegs, so die Aargauer Zeitung.
Natürlich ist das Angebot breit konzipiert, sodass diverse Alters- und Bildungsschichten in Strömen eilen: Knochenpuzzle bauen im Anatomischen Museum, ein „derb-erotischer“ Vortrag im Antikenmuseum, Chorkonzerte, Comics selbst zeichnen, galaktisches Make-up, Hut-Workshop – dazu Trinken und Essen, was der Magen begehrt.

Der Neubau des Kunstmuseums grüsst Zehntausende Besucher der Museumsnacht.

Gern wollte ich die Füssli-Ausstellung im Kunstmuseum besuchen. Ich stehe also brav eine Schlange entlang des gesamten Innenhofs an. Am Eingang lande ich vor drei genervten Aushilfskräften, die alle Taschen kontrollieren, weil PET-Flaschen und Flüssigkeiten „aus Sicherheitsgründen“ abgegeben werden müssen. Meine Freundin hat eine teuere Thermosflasche dabei, die sie in ein (von einer obdachlosen Dame bereits auf Kostbarkeiten hin abgeräumtes) Regal neben dem Eingang stellen soll, obwohl wir den wärmenden Tee längst ausgetrunken haben.  
Wir gehen – kommentarlos – unverrichteter Dinge. Füssli ade, vielleicht zu den normalen Öffnungszeiten.

Das Anstehen wird uns im Botanischen Garten durch ein Quiz verkürzt. 27 hübsch gestaltete Postkarten wollen von uns allerlei rund um den Kaffee wissen: woraus eine Kaffeebohne besteht, wozu das Fruchtfleisch einer Kaffeekirsche dient, ob man Kaffeepflanzen zu Hause selbst kultivieren kann. DIESE Frage interessiert mich brennend und ich gehe der Sache bei den Experten auf den Grund. Schälchen mit roten Kaffeefrüchten (süß und sehr lecker), schleimigen Kernen, den eigentlichen Bohnen (hm…) und getrockneten Schalen (auch für Tee-Zubereitung geeignet) demonstrieren die Wegstationen der Transformation einer Kaffeebohne in Espresso.
Die Frage mit der Selbstkultivierung ist beantwortet: Es geht. (Jaaa!) Die schleimigen Kerne müssten dafür etwa 4 Wochen bei 30 Grad und konstanter Feuchtigkeit keimen. (Vielleicht denke ich über die Errichtung eines privaten Hamams nach?) Danach normal setzen, hegen und pflegen. Rösten geht in der Pfanne. (Danach ist die Küche allerdings übersät ist mit Kernschalen-Fuseln, die die Kerne beim Rösten abwerfen.)

Der Verarbeitungsweg der Kaffeefrucht im Botanischen Garten.

Nächste Station ist das Staatsarchiv – ein wahrer Geheimtipp in diesem Museums-Tohuwabohu. Still, freundlich. Es liegt Ehrfurcht vor den alten Dokumenten in der Luft und riecht ähnlich wie in Antiquariaten, altes Papier eben, Zeitgeschichte.
Daniel Hagmann, Leiter der Kommunikation, führt kleine Gruppen in die Räume, wo der Zutritt sonst nur Mitarbeitern gestattet ist. Wir erfahren, dass das Archiv spätestens 2023 aus allen Nähten platzen wird, wenn es nicht bald neue Räume findet. Das Gebäude ist 120 Jahre alt, nicht ausreichend klimatisiert, um die Dokumente gut zu schützen, und die anfänglich 3 km Dokumentenreihen sind bis heute auf über 22 km angewachsen.
In den anderen Räumen spielen wir Detektive und versuchen, ausgestellte Manuskripte zu entziffern. Wie lautet die Diagnose von Friedrich Nietzsche, als er nach einem Wahnanfall 1889 in die Psychiatrische Klinik Friedmatt kam? Wie schmeckt das Rezept, das Frau Merian sich fein säuberlich notiert hat? Während ich auf einer Urkunde recht Mühe habe, Napoleons Unterschrift zu entdecken (eher die Schrift eines Schuljungen, in Druckbuchstaben von unten nach oben hingekrakelt), höre ich im Nebenraum Gesang. Tetyana Polt stellt Gregorianische Gesänge aus dem Staatsarchiv vor, die nach der Einführung der Reformation und dem Verbot der katholischen Liturgie in Basel im Jahr 1529 in Vergessenheit gerieten. Da ist Fachwissen gefragt; sie erklärt Ligaturen, Metrum, Notenwerte. Dennoch hören die Umstehenden gebannt zu, vielleicht weil sie klar und schön singt und eine Lebendigkeit ausstrahlt, die bei der Beschäftigung mit historischer Aufführungspraxis in Basel so bezeichnend ist. „Klingendes Pergament“ heisst das Projekt, das zum Ziel hat, die alten Choräle ,auszugraben‘ und aufzubereiten, so dass die Musik in ihren authentischen Räumlichkeiten wieder erklingen kann.

Authentisch und wiederum nicht ist es zum Schluss im Kreuzgang des Münsters. Hier gibt es im halbstündigen Wechsel Jazz und Irish Folk. Dazu durchgehend Glühwein. In diesem Kleinod bleiben wir, geschützt vor Kälte, Shuttlebussen und Menschenmenge.

Jazz im Kreuzgang des Basler Münsters.

Es ist immer beeindruckend zu erleben, wieviel Kultur Basel zu bieten hat. Aus meiner Sicht kommt die Museumsnacht aber nicht mit einem Bildungsauftrag daher, auch wenn sie den gern hätte, sondern erfüllt lediglich Marketingziele.
Man mag mich ,elitär’ schimpfen, aber ich kann dem nichts abgewinnen, wenn auf dem Boden des Münster-Kreuzgangs Zigarettenstummel und Glasflaschen liegen. Ich bezweifle auch, dass diese Art von Veranstaltung Barrieren abbaut, denn diese scheinen beim Anblick der Museumsnacht gar nicht zu existieren.
In Politik und Kultur geht man so selbstverständlich davon aus, dass es Grenzen und Unterschiede abzubauen gilt. Wenn ich das Lied nicht mitsinge, gelte ich sofort als intolerant. Vielleicht aber geht es um Aufbauen (von Interesse, Vertrauen, Beziehungen, Wissen). Dieses kann ein Grossevent mit Laufpublikum trotz des enormen Ressourcen-aufwands aus meiner Sicht nicht leisten.
Das belegt ein Blick in die Tabellen des Statistischen Amtes. Seit 2002, dem Jahr der ersten Museumsnacht, konnten die Museen insgesamt einen Besucheranstieg von etwa 200 000 Personen verbuchen. Die meisten pendeln zwischen nicht signifikanten Werten hin und her. Und jene, die Besucher gewinnen konnten, verdanken dies eher der Marketing- und Vermittlungsabteilung. Ja, mittlerweile hat es sich unter den U26 (freie Tickets) herumgesprochen: diese sind von 10.905 auf 13.916 gestiegen. Ob sie deshalb unters Jahr verteilt häufiger einen Museumsbesuch einplanen, wäre nachzuprüfen.

An der Oberfläche von Themen und Gegenständen zu kratzen, ist nicht interessant, auch nicht für ,bildungsferne’ Schichten. Wir brauchen etwas, das uns anders anspricht und anrührt als der tägliche Shitstorm. Aber das ist ein anderes Thema.

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