Neue Bilder für das Kunstmuseum Basel

Eine grosszügige Schenkung der CMS

Heute wurde ich Zeugin eines historischen und kostbaren Moments. Als Medienschaffende bin ich einer Einladung der Christoph Merian Stiftung zur Pressekonferenz ins Kunstmuseum gefolgt.
Der Anlass: Die CMS schenkt dem Kunstmuseum Basel sieben Kunstwerke namhafter Maler in einem Versicherungswert von über 20 Mio. Schweizer Franken. Die Bilder stammen aus dem Nachlass von Frank und Alma Probst-Lauber. Alma Probst hatte die Bilder einst von Ernst Beyeler erworben und förmlich mit ihnen gelebt, anstatt sie wie andere Kunstsammler in einem Lager zu bunkern. Es heisst, sie habe ihre Kunstsammlung täglich, Picassos Zeichnung „Femme dans un fauteuil“ oft sogar stundenlang betrachtet. Kurz vor ihrem Tod im Jahr 2017 informierte sie die CMS, dass die Stiftung Alleinerbin ihres gesamten Vermögens wird (immerhin über 120 Mio.) und sagte „Machen Sie das Beste draus!“
Die CMS tut genau dies, indem sie die Kunstwerke der Stadt und somit der Öffentlichkeit schenkt, ganz im Sinne von Christoph Merian. Zusätzlich unterstützt die Stiftung die wissenschaftliche Erforschung und Kontextualisierung der Bilder, die in eine Publikation münden wird.

Ein echter Glücksfall also für die Öffentliche Kunstsammlung Basel: die Bilder sind in einem hervorragenden, fast unberührten, Zustand.
Ohne solche grosszügige Schenkungen könnten Werke dieser Rangordnung nicht angeschafft werden.

Trotzdem sind Schönheitsreparaturen, z. B. der Rahmen geplant, weshalb die Bilder erst mal in die Restauration müssen. Kuratorin Eva Reifert verriet mir, dass sie mit ca. einem halben Jahr rechnet, bis sie für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.
Also Augen und Ohren offen halten – und dann schnell ins Kunstmuseum!

Meine zwei Favoriten

Pablo Picasso, Femme dans un fauteuil (1953), Bleistift auf Papier, 108 x 74cm (© CMS)

Diese Bleistiftzeichnung kommt in ihrer Grösse fast als Gemälde daher. Dr. Josef Helfenstein, der Direktor des Kunstmuseums, vermutet, dass es sich um ein ,Doppelbildnis‘ handeln könnte, da die Schaffensperiode in die Phase der endgültigen Trennung von Picassos langjähriger Partnerin Françoise Gilot fällt. Gleichzeitig lernte er seine zukünftige zweite Ehefrau kennen, Jacqueline Roque. 
Die emotionale Verdichtung ist spürbar. Mich berührte schon die Reproduktion in der Pressemappe; als wir jetzt während unserer kleinen Privatführung vor dem Original stehen, spüre ich fast eine Erschütterung. Das Liniengerüst, in dem die Frau sitzt, scheint sie aufzurichten, dient als Stütze, wirkt aber auch wie eine Falle, aus der sie nicht heraus kann. Die zwei Portraits, die zum Gesicht der Frau verschmelzen – ist es ein Kuss? Der Blick des linken, vielleicht des Geliebten – wissend, traurig.
Die Hände – wie viele sind es, wem gehören sie, wer umfasst hier wen, versucht sie, sich selbst zu halten oder ergreift sie den Geliebten? 


Paul Klee, Ohne Titel (1932/33), Öl auf Leinwand, 67.5 x 90.5 cm, © GI

Bei Klee fällt mir immer am stärksten auf, wie unmöglich Fotografie Gemälde abbilden kann. (Das ist wieder mal ein Thema für sich…) Vielleicht liegt es daran, dass mich Klees Farben und Formen, seine Art zu vermalen, durchschimmern zu lassen und anzudeuten, besonders bewegen. Ich empfinde solcherart Rührung sonst nur bei Musik und Literatur (und im wahren Leben). Ich kann also schwer beschreiben, was dieses Bild macht. In seiner Farblichkeit hat es von Beige, über Olivgrün und Blau bis hin zu den offensichtlichen Rosa- und Lilatönen fast alles, und dennoch ist es kein Mädchenzimmer-Bild. Es ist eine profunde Lebendigkeit, die es ausstrahlt, und ist trotzdem nicht bloss ,fröhlich’. Irgendetwas ,fragt‘ es, will es wissen, wenn ich davor stehe. Und es hat eine Tiefenwirkung, die in der zweiten Dimension nicht zutage tritt.

Das Bild ist zudem eine echte Kostbarkeit, was seine Geschichte betrifft. Dr. Helfenstein erzählt, dass er in New York in die Fertigstellung des Werkkatalogs von Paul Klee involviert war, für den dieses Bild lange gesucht, aber nie gefunden wurde. Man wusste, dass es von Ernst Beyeler in eine Privatsammlung verkauft wurde, aber man hat nie herausgefunden, wo es sich befand. Nun ist es aufgetaucht!

Die restlichen fünf Bilder

Pablo Picasso, Le Bouquet (1948), Öl und Gouache auf Papier, 66 x 50.5 cm, © CMS

Le Bouquet lässt an einer grossen Stelle den nackten Karton sichtbar werden. Es ist eine Amaryllis, deren Stängel Picasso oben, wo er aus dem Bild wachsen würde, einfach ,abschneidet’. Auch die oberen Blüten müssen sich dem Rahmen fügen und nach unten wachsen.


Pablo Picasso, Faune dévoilant une dormeuse, Blatt 27 der Suite Vollard (1930–1937), Aquatinta aus der Edition 310, 31.6 x 41.8 cm, © CMS

Das Kupferstichkabinett besitzt bereits 13 Blätter aus der bekannten Serie von insgesamt 100 Druckgrafiken, die der Kunsthändler Ambroise Vollard bei Picasso bestellt hat. Blatt 27 ist laut Dr. Helfenstein auch deshalb eine gute Ergänzung zur Sammlung, weil es Bezug auf eine Druckgrafik von Rembrandt nimmt, die Jupiter mit einer nackten Frau im Bett zeigt. Er zeigt uns den Katalog – stimmt, spiegelverkehrt, aber unverkennbar!


Alberto Giacometti, Portrait de Caroline (1962), Öl auf Leinwand, 61 x 50 cm, © CMS

Es hängt im Kunstmuseum bereits ein ,Geschwisterbild’ von Caroline, der Geliebten des Künstlers. Klar, es gibt derer auch über 30! (Ob man da von Obsession sprechen kann?) Faszinierend jedenfalls, wie der Bildhauer hier zum malenden Métier wechselt und es schafft, auf der rohen ,unfertigen’ Leinwand das Gesicht plastisch hervortreten zu lassen. Von Kuratorin Eva Reifert erfahre ich, dass ein philosophischer Gedanke dahinter steht: durch die Intensität der Behandlung wird das Objekt der Betrachtung zu einem Subjekt der Betrachtung, zu einem echten Gegenüber.


Fernand Léger, Composition (1937), Öl auf Leinwand, 65 x 92 cm, © CMS

Dies ist das erste Werk Légers aus den 30er Jahren, das das Kunstmuseum Basel besitzt: Ein lebensfrohes Stillleben, unter den schwebenden kubistischen Formen und der grossen abstrakten Blume sind die Lasuren und der Werkprozess noch sichtbar. 


Jean Dubuffet, Déterminations incertaines (1965), Vinyl auf Papier, aufgezogen auf Leinwand, 67 x 70 cm, © CMS

Die verspielten Zellen und Membranen erinnern an die écriture automatique, bei der man den Verstand abschaltet und das Unterbewusste tätig werden lässt. In diesem surrealistischen Rausch hat Dubuffet bis in die frühen 70er Jahre Bilder und Zeichnungen im Dauerlauf angefertigt, bei denen kindliche Naivität neben einer sich selbst bewussten Form steht.

Ich freue mich schon sehr darauf, wenn die Bilder öffentlich gezeigt werden. Dann pilgere ich sofort ins Kunstmuseum, um mich im Stil von Alma Probst stundenlang in Picasso und Klee zu versenken.

3 thoughts

  1. Vielen Dank für den interessanten Bericht! Die grosse bestuhlte Bleistift-Frau möchte man in der Tat möglichst bald einmal ‚in echt‘ anschauen. Das Wimmelbild der unsicheren Bestimmungen ebenso, es zieht zu und in sich hinein, weckt das Verlangen sein Rätsel zu erlösen…

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  2. Kunst sagt, was nicht gesagt werden kann, doch worüber es unmöglich ist, zu schweigen… Nicht wahr? Danke dennoch für Deine Worte. Sie zeigen deine Rührung und Nähe zu einer unaussprechbaren Wahrheit.

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