Was uns noch bleibt.

Allgemeine Lesegesellschaft Basel

Was zunächst etwas kindlich-aufmüpfig klang, hat sich in den vergangenen Monaten leider bewahrheitet: es ist ohne Kunst und Kultur sehr still geworden. Nicht totenstill natürlich, anpassungsfähig wie Kunst nun mal seit jeher ist: es gibt jetzt Facebook live Führungen durch das Kupferstichkabinett und digitale Gesprächsräume via Zoom aus dem Literaturhaus, das Symphonieorchester streamt live aus dem Stadtcasino. Das nannte man vor Covid-19 den erweiterten Ausstellungs- bzw. Konzertraum. Nur ist er jetzt keine Erweiterung, sondern der einzige, der übriggebliebene, Raum.
Sehnsüchtig fahren wir am Theater und am Kult.Kino vorbei, gegenüber das Stadtcasino, das nach 4-jährigem Umbau im letzten August grosse Wiedereröffnung feierte…

Es gibt aber noch Orte, an denen Kultur einen Raum hat, wenn auch nicht mit vielen Besuchern und mit grossem Trara. Ein solches Kleinod, und gleich eines der schönsten in Basel, ist die Allgemeine Lesegesellschaft.
Hier bin ich schon vor Covid-19 auf Zehenspitzen in den ersten Stock getrappelt, und das nicht nur, weil dort ausdrücklich um Schweigen gebeten wird.

Der erste Eindruck bereits im Eingang des Hauses ist, so ketzerisch es klingen mag, wie ein Standbild aus einem Harry-Potter-Film – nicht so düster vielleicht, aber ebenso altehrwürdig und respekteinflössend.
Das neogotische Gebäude mit Bausubstanz aus dem 16. Jahrhundert steht direkt neben dem Münster und gehört der ALG seit 1830. Rechterhand geht’s gleich in die Bibliothek, in der es uralte bis brandaktuelle Bände zu allen Wissensbereichen gibt: Anthologien, Enzyklopädien, Romane, Bücher zu Zeitgeschehen, Geschichte, Architektur und Musik, ausserdem eine gute Auswahl an DVDs (von Opern bis Lars von Trier) und Hörbüchern (von Samuel Becket über Thomas Mann bis Roger Willemsen)… Wer jetzt meint, in Zeiten von Podcasts und Spotify ist die hörbuchinteressierte Spezies vom Aussterben bedroht, mag recht haben, aber immerhin ,lebt` die ALG von den Mitglieder-Beiträgen, die sich jährlich auf läppische 150 Fr. pro Person belaufen. Damit hat man dann nicht nur Zugang zu allen Büchern und Zeitschriften, sondern sichert sich auch noch einen inspirierenden, stillen Arbeitsort (frei wählbar in den Lesesälen).

Die Bibliothek der Allgemeinen Lesegesellschaft.

So wie hier lässt sich in einem von Menschen, Ghettoblastern und Verkehr durchtränkten öffentlichen Raum nicht mehr lesen.
Die Holztreppe hinauf komme ich in den Bereich der drei Lesesäle: Tische, Stühle und Regale – alles aus Holz und Leder. Der Staub der Stadt legt sich anders auf diese Materialien: bedächtiger, ruhiger, würdevoller. Speziell an der gesamten Atmosphäre, ist, dass man gemeinsam mit anderen Lesenden und Denkenden liest und denkt. Manchmal macht es den Eindruck, als könnte man in Gedankenwindungen hineinhorchen und jede Schwade zu Ende verfolgen, bis sie verfliegt. Ein selten gewordenes Gefühl sonst.

Innerlich werde ich schon beim Blick durch die Glastür ins Innere des grössten Raums still.
Hier liegen die aktuellen Ausgaben von den gängigen Zeitungen aus dem englisch-, französisch-, italienisch-, spanisch- und deutschsprachigen Raum, die Neuanschaffungen, die einen Monat lang zur Ansicht stehen, bevor sie zur Ausleihe freigegeben werden, und ein Buch, in das die Leserinnen Anschaffungswünsche eintragen können. Wenn im Sommer die Fenster offen stehen, weht ein herrliches Lüftchen hinein und den Eindruck angenehmer Frische wird durch die nördliche Ausrichtung und den Blick auf den Rhein verstärkt.
Einen Blickschwung weiter in der Ferne sind Schwarzwald, Jura und Vogesen.

Der mittlere Raum der ALG mit Blick auf den Münsterplatz.

Im nächsten, mittleren Raum, sind Zeitschriften aus allen denkbaren Wissensbereichen: von Theater, Kunst und Literatur über Archälogie, Psychologie und Finanzen bis hin zu Religion, Biologie und Wandern. Eine alte Holzuhr, die Nachmittagssonne und der Blick auf die Kastanienbäume am Münsterplatz hüllen die Lesenden in eine sanfte Behaglichkeit.

Der kleinste Raum ist das Konversationszimmer mit Kaffeemaschine und Tee. Hier ist Sprechen erlaubt und man hat seine helle Freude an den Atlanten (manche davon uralt) und Lexika, die meterweise die Regale einnehmen: Grzimeks Tierleben (Bd. 1-13), Schweizerdeutsches Idiotikon (Bd. 1-12), Flora alpina (Bd. 1-3), um nur einen Vorgeschmack zu geben…
Während der Herbstmesse und des Weihnachtsmarkts schaue ich von hier oben aus gern auf das laute Treiben und die bunten Lichter und schreibe im Warmen. Von draussen dringen im Sommer manchmal die Touristengespräche und das Spielen der Kinder auf dem Münsterplatz durch und machen die im Innern herrschende Stille wie ein Scharfzeichner umso präsenter.

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